Glockenabschied
Das Jahr 1917 brachte für viele Gemeinden den Glockenabschied. Infolge des ersten Weltkrieges und der Materialknappheit mussten alle Bronzeglocken abgegeben werden. Der Stiftungsrat versuchte zwar im Mai 1917 die Glocken wegen ihrer Verzierung und künstlerischen Gestaltung zu retten, aber es half nichts. Am 9. Juni 1917 wurde nur bescheinigt, dass für Läutezwecke die kleinste Glocke belassen werde. Am 30. Juni musste der Stiftungsrat mit der Glockengießerei (!) Bachert in Karlsruhe einen Vertrag über die Abmontierung der Glocken schließen, die am 4. Juli 1917 erfolgte. Dabei wurden drei Glocken vom Turm heruntergeworfen! Lassen wir den damaligen Pfarrer Karl Haungs zu Wort kommen:

„In der Kriegsnot des Weltkrieges 1914/17 wurden die drei großen Glocken beschlagnahmt und enteignet; nur die kleinere durfte als „Läuteglocke“ zurückbleiben. Unter Weinen und Schimpfen ließen die Pfarrangehörigen am 4. Juli 1917 ihre liebgewonnenen Glocken in den grausigen Krieg ziehen. Die Glocken wurden abgeschraubt und heruntergeworfen; alle drei kamen unversehrt am Boden an. ... Jetzt wimmert noch die kleine Glocke voller Heimweh den großen nach...“
Nach dem Weltkrieg begann man bald mit Plänen für neue Glocken. Aber die Inflation setzte ein, so dass die Anschaffung neuer Glocken in weite Ferne zu rücken schien. Die Idee des Lehrers Werner Berberich aus der Gemeinde, einen Glockenverein zu gründen, wurde in der Silvesterpredigt 1920 der Pfarrei vorgestellt. Sofort begann man mit der Umsetzung und warb Mitglieder, die mindestens 200 Mark beisteuern sollten. Genau 400 Mitglieder waren bereit, Geld für die neuen Glocken zu spenden bzw. in Bekanntschaft und Nachbarschaft dafür zu sammeln. Im Juli 1921 konnte das Geläute bestellt werden. Aber auch die Tragfähigkeit des Turmes musste untersucht werden und verzögerte die Anschaffung der Glocken. Schon 1920 war man mit verschiedenen Glockengießereien in Verhandlung: Grüninger, Villingen – Bachert, Karlsruhe – Pietzel & Co, Dresden. Eine lange Entscheidungsphase war notwendig, da man beschließen musste, ob die alte Glocke miteinbezogen werde und drei Glocken anzuschaffen oder ob gleich vier neue Glocken in Auftrag zu geben seien. Der Orgel- und Glockeninspekteur Steinhart schlug eine neue Disposition vor: es, g, b, c – die Intonation des Chorals „Salve Regina“. Da man dies für die Liebfrauenkirche als passend empfand, musste die alte kleine Glocke weichen und bei der Glockengießerei Bachert, Karlsruhe wurden vier neue Glocken in Auftrag gegeben.
Zur Finanzierung trugen nicht nur die Mitglieder des Glockenvereins bei, sondern auch die Vereinigungen der Gemeinde waren aktiv. Als Beispiel sei hier der Katholische Männerverein Karlsruhe-Süd genannt, der am 5. Oktober 1921 ein Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten der Beschaffung von Glocken veranstaltete. 400 Mitwirkende sorgten für einen Erfolg, darunter waren allein 160 (!) Sänger des Männerchores des Vereins. Am 14. Oktober erfolgte der Guss der vier Glocken in Anwesenheit einer Delegation aus der Pfarrei. Am 12. November 1921 konnten die Glocken abgeholt werden und erreichten in feierlichem Zug die Kirche. Den Transport übernahm die Fa. Werner & Gärtner. Herr Werner war der Schwiegervater des im Dritten Reichs hingerichteten Widerstandskämpfers Reinhold Frank, dessen Witwe viele Jahre bis zu ihrem Tod im Bernhardushaus in der Augartenstraße lebte. Die Weihe der Glocken nahm Dekan Link am 13. November vor. Abends war die Gemeinde zur Glockenfestfeier in den Saal der Walhalla eingeladen. Schon am Tag danach begann die Montage. Am 18. November erfolgte das erste Läuten, zu dem eine unübersehbare Menge Menschen kam. Wieder einmal hatten die Südstädtler ihren Opfergeist bewiesen: Die Südstadt hatte in Karlsruhe als erste Gemeinde von denen, die ihrer Glocken beraubt worden war, wieder ein Geläute.





